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Lob des Schattens

Das Alter (das ist der Name den die anderen ihm geben)
mag die Zeit unseres Glückes sein.
Das Tier ist gestorben oder fast gestorben.
Es bleiben der Mensch und seine Seele.
Ich lebe zwischen leuchtenden und vagen Formen,
die noch nicht das Dunkel sind.
Buenos Aires,
das früher ausgriff in Vorstädte
bis zum unaufhörlichen Flachland,
ist nun wieder Recoleta, Retiro,
die trüben Straßen von Once
und die baufälligen alten Häuser,
die wir noch immer Sur nennen.
Immer in meinem Leben sind es zu viele Dinge gewesen;
Demokrit von Abdera riß sich die Augen aus um zu denken;
Die Zeit ist mein Demokrit gewesen.
Dieser Halbschatten ist langsam und schmerzt nicht;
er fließt einen sanften Hang hinab
und gleicht der Ewigkeit.
Meine Freunde haben kein Gesicht,
die Frauen sind, was sie seit so vielen Jahren waren,
die Straßenecken könnten andere sein,
auf den Blättern der Bücher sind keine All das müßte mich erschrecken,
aber es ist eine Süße, eine Rückkehr.
Von den Generationen der Schriften, die es auf Erden gibt,
werde ich nur wenige gelesen haben,
die welche ich im Gedächtnis weiterlese,
lese und verwandle.
Aus Süden, aus Osten, aus Westen, aus Norden
laufen die Wege zusammen, die mich
zu meiner geheimen Mitte geführt haben.
Diese Wege waren Echolaute und Schritte,
Frauen, Männer, Todeskämpfe, Auferstehungen,
Tage und Nächte,
Halbträume und Träume,
jeder winzige Augenblick vom Gestern
und aller Gestern der Welt,
der feste Degen des Dänen und der Mond des Persers,
die Taten der Toten,
die geteilte Liebe, die Wörter,
Emerson und der Schnee und so viele Dinge.
Nun kann ich sie vergessen. Ich gelange zu meiner Mitte,
zu meiner Algebra und meinem Schlüssel,
zu meinem Spiegel.
Bald werde ich wissen wer ich bin.

An Island

Von den Gebieten der schönen Erde,
Die mein Fleisch und sein Schatten ermüdet haben,
Bist du das entlegenste und vertrauteste,
Letzte Thule, Island der Schiffe,
Des zähen Pflugs und des standhaften Ruders,
Der ausgespannten Seemannsnetze,
Jenes seltsam reglosen Nachmittagslichts,
Das der vage Himmel bei Tagesanbruch ausgießt,
Und des Windes, der die verlorenen Segel
Des Wikingers sucht. Heilige Erde,
Die du die Erinnerung Germaniens warst
Und seine Mythologie freikauftest
Von einem Wald aus Eisen und von seinem Wolf
Und von dem Schiff das die Götter fürchten,
Gefertigt von den Fingernägeln der Toten.
Island, lange habe ich von dir geträumt
Seit jenem Morgen, als mein Vater
Dem Knaben, der ich gewesen bin und der nicht tot ist,
Eine Fassung der Völsungasaga gab,
Die mit Hilfe eines langsamen Wörterbuchs
Jetzt mein Halbschatten entziffert.
Wenn der Körper seines Menschen müde wird,
Wenn das Feuer sinkt und schon Asche ist,
Tut das entsagungsvolle Erlernen
Einer unbegrenzten Aufgabe wohl; ich habe
Das Erlernen deiner Sprache gewählt, das Latein des Nordens,
Das die Steppen und Meere einer Erdhälfte
Umschloß und in Byzanz widerhallte
Und an Amerikas jungfräulichen Rändern.
Ich weiß daß ich sie nicht erlernen werde,
Doch mich erwarten die möglichen Geschenke des Suchens,
Nicht die wissentlich unerreichbare Frucht.
Das gleiche wird empfinden,
Wer die Sterne befragt oder die Zahlenreihen…
Nur die Liebe, die unwissende Liebe, Island.

A Islandia

De las regiones de la hermosa tierra
Que mi carne y su sombra han fatigado
Eres la más remota y la más íntima,
Última Thule, Islandia de las naves,
Del terco arado y del constante remo,
De las tendidas redes marineras,
De esa curiosa luz de tarde inmóvil
Que efunde el vago cielo desde el alba
Y del viento que busca los perdidos
Velämenes del viking. Tierra sacra
Que fuiste la memoria de Germania
Y rescataste su mitología
De una selva de hierro y de su lobo
Y de la nave que los dioses temen,
Labrada con las uñas de los muertos.
Islandia, te he soñado largamente
Desde aquella mañana en que mi padre
Le dio al niño que he sido y que no ha muerto
Una versión de la Völsunga Saga
Que ahora está descifrando mi penumbra
Con la ayuda del lento diccionario.
Cuando el cuerpo se cansa de su hombre,
Cuando el fuego declina y ya es ceniza,
Bien estä el resignado aprendizaje
De una empresa infinita; yo he elegido
El de tu lengua, ese latín del Norte
Que abarcó las estepas y los mares
De un hemisferio v resonó en Bizancio
Y en las märgenes virgenes de América.
Sé que no la sabré, pero me esperan
Los eventuales dones de la busca,

3. Unselig der Arme im Geist, denn unter der Erde wird er
sein, was er jetzt auf Erden ist.

4. Unselig der weint, denn er hat bereits die elende Gewohnheit des Weinens.

5. Selig die wissen, daß das Leiden keine Krone der Glorie ist.

6. Es genügt nicht, der letzte zu sein, um irgendwann der erste zu werden.

7. Glücklich der nicht auf seinem Recht beharrt, denn niemand hat es oder alle haben es.

8. Glücklich der den anderen verzeiht und der sich selber verzeiht.

9. Glückselig die Sanftmütigen, denn sie lassen sich nicht zur Zwietracht herab.

10. Glückselig die nicht nach Gerechtigkeit hungern, denn sie wissen, daß unser Los, widrig oder gnädig, ein Werk des Zufalls ist, und der ist unerforschlich.

11. Glückselig die Barmherzigen, denn ihre Seligkeit ist in der Übung der Barmherzigkeit und nicht in der Hoffnung auf eine Belohnung.

12. Glückselig die reinen Herzens, denn sie schauen Gott.

13. Glückselig die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen, denn ihnen liegt mehr an der Gerechtigkeit als an ihrem menschlichen Los.

14. Niemand ist das Salz der Erde; niemand ist es nicht in irgendeinem Augenblick seines Lebens.

15. Möge das Licht einer Lampe leuchten, auch wenn kein Mensch es sieht. Gott wird es sehen.

16. Es gibt kein Gebot, das nicht übertreten werden kann, auch nicht die Gebote, die ich nenne und die die Propheten nannten.

17. Wer tötet um der Gerechtigkeit willen oder um der Sache willen, die er für gerecht hält, trägt keine Schuld.

18. Die Taten der Menschen verdienen weder das Feuer noch den Himmel.

19. Hasse nicht deinen Feind, denn tust du es, bist du gewissermaßen sein Sklave. Dein Haß wird nie besser sein als dein Friede.

20. Wenn dich deine rechte Hand beleidigt, vergib ihr; du bist dein Leib und du bist deine Seele, und es ist mühselig oder unmöglich, die Grenze zu bestimmen, die sie trennt …

24. Übertreibe nicht den Kult der Wahrheit; es gibt keinen Menschen, der nach Ablauf eines Tages nicht mehrmals mit Recht gelogen hätte.

25. Schwöre nicht, denn jeder Schwur ist Übertreibung.

26. Widerstehe dem Bösen, doch ohne Schrecken und ohne Zorn. Wer dich auf die rechte Backe schlägt, dem kannst du die andere bieten, solange dich nicht die Furcht leitet.

27. Ich spreche nicht von Rache und nicht von Vergebung; das Vergessen ist die einzige Rache und die einzige Vergebung.

28. Deinem Feind Gutes tun kann ein Werk der Gerechtigkeit sein und ist nicht mühsam; ihn lieben ist eine Aufgabe für Engel und nicht für Menschen.

29. Deinem Feind Gutes tun ist die beste Art, deine Eitelkeit zu befriedigen.

30. Häufe kein Gold an auf Erden, denn das Gold ist der Vater des Müßiggangs, und dieser der von Traurigkeit und Überdruß.

31. Nimm an, daß die anderen gerecht sind oder sein werden, und wenn es nicht so ist, ist es nicht dein Fehler.

32. Gott ist großmütiger als die Menschen und wird sie mit anderem Maß messen.

33. Gib das Heilige den Hunden, wirf deine Perlen vor die Säue; worauf es ankommt, ist Geben.

34. Suche aus Freude am Suchen, nicht aus Freude am Finden …

39. Die Tür ist es, die wählt, nicht der Mensch.

40. Richte nicht den Baum nach seinen Früchten noch den Menschen nach seinen Werken; sie können schlechter oder besser sein.

41. Nichts ist auf Fels gebaut, alles auf Sand, aber unsere Pflicht ist zu bauen, als sei der Sand Stein …

47. Glücklich der Arme ohne Bitterkeit oder der Reiche ohne Hochmut.

48. Glücklich die Mutigen, die mit Gleichmut hinnehmen Niederlage oder Lorbeer.

49. Glücklich die im Gedächtnis Worte Vergils oder Christi bewahren, denn diese werden ihren Tagen Licht geben.

50. Glücklich die Geliebten und die Liebenden und die auf die Liebe verzichten können.

51. Glücklich die Glücklichen.

Israel, 1969

Ich fürchtete, in Israel lauere
mit tückischer suesse
die Sehnsucht, welche die jahrhundertealten Diasporas
anhäuften wie einen traurigen Schatz
in den Städten des Gottlosen, in den Judenvierteln,
in den Sonnenuntergängen der Steppe, in den Träumen,
die Sehnsucht derer, die dich begehrten,
Jerusalem, an Babylons Wassern.
Was warst du, Israel, anderes als diese Sehnsucht,
als dieser Wille,
zwischen den unbeständigen Formen der Zeit
dein altes Zauberbuch zu retten, deine Liturgien,
deine Einsamkeit mit Gott?
Nicht so. Die älteste der Nationen ist auch die jüngste.
Nicht mit Gärten hast du die Menschen versucht,
nicht mit dem Gold und seinem Überdruß,
sondern mit der Strenge, letztes Land.
Israel hat zu ihnen ohne Worte gesagt: du wirst vergessen, wer du bist.
Du wirst den anderen vergessen, den du verließest.
Du wirst vergessen, wer du warst in den Ländern,
die dir ihre Abende schenkten und ihre Morgen
und denen du nicht deine Sehnsucht schenken wirst.
Du wirst die Sprache deiner Eltern vergessen und wirst
die Sprache des Paradieses erlernen.
Du wirst ein Israeli sein, wirst ein Soldat sein.
Du wirst das Vaterland aus Sümpfen erbauen; du wirst es aus Wüsten errichten.
Mit dir wird dein Bruder arbeiten, dessen Gesicht du nie gesehen hast.
Ein einziges versprechen wir dir:
deinen Posten in der Schlacht.

An Israel

Wer weiß, ob das verlorene Labyrinth
Uralter Ströme meines Bluts durch deine Pforte
Geführt hat, Israel? Wer weiß die Orte,
Durch die die Adern unseres Bluts gezogen sind?
Gleichviel. Du bist in diesem heiligen Buch,
Ich weiß. Es faßt die Zeit, kauft die Geschichte los
Des roten Adam, legt Erinnerung bloß
An Christi Leidenskampf und Leichentuch.
Du bist in diesem Buch, der Spiegel ist
Jeden Gesichts, das sich darüber neigt,
Auch Gottes, das sich furchterregend zeigt
Im mühsamen Kristall auf bange Frist.
Für Gottes Mauern, Israel, stehst du auf Wacht.
Heil Dir und der Passion in deiner Schlacht.

Israel

Ein eingekerkerter und behexter Mensch,
ein Mensch, verdammt die Schlange zu sein,
die schamloses Gold bewacht,
ein Mensch, verdammt Shylock zu sein,
ein Mensch, der sich über die Erde beugt
und der weiß, daß er im Paradies gewesen ist,
ein alter blinder Mann, der die Säulen
des Tempels zerbrechen muß,
ein Antlitz, verdammt Maske zu sein,
ein Mensch, der trotz der Menschen
Spinoza ist und Baal Schem und die Kabbalisten,
ein Mensch, der Das Buch ist,
ein Mund, der aus dem Abgrund preist
die Gerechtigkeit des Firmaments,
ein Staatsanwalt oder ein Zahnarzt,
der Zwiesprache gehalten hat mit Gott auf einem Berg,
ein Mensch, verdammt Gespött zu sein,
Abscheu, der Jude,
ein gesteinigter Mensch, in Brand gesteckt
und in Todeskammern erwürgt,
ein Mensch, der darauf beharrt, unsterblich zu sein
und der nun zurückgekehrt ist in seine Schlacht,
ins gewaltsame Licht des Sieges,
schön wie ein Löwe am Mittag.

An die deutsche Sprache

Mein Schicksal ist die Sprache Kastiliens,
das Erz Francisco de Quevedos,
doch in der sacht schreitenden Nacht begeistern
mich andere, intimere Musiken.
Die eine wurde mir vom Blut gegeben -
o Stimme Shakespeares und der Heiligen Schrift -,
andre vom Zufall, der freigebig ist,
dich aber, milde Sprache Deutschlands, habe
ich selbst erwählt und ganz allein gesucht.
Durch Nachtwachen und durch Grammatiken,
durch den Dschungel der Deklinationen,
durchs Wörterbuch, das niemals die genaue
Schattierung trifft, hab ich mich genähert.
Voll von Vergil sind meine Nächte, hab ich
einmal gesagt; ich hätt auch sagen können,
voll Hölderlin und von Angelus Silesius.
Heine gab mir seine hohen Nachtigallen,
Goethe gab mir das Glück von später Liebe,
die nachsichtig und dabei käuflich ist;
Keller die Rose, die eine Hand läßt
in der Hand eines Toten, der sie liebte
und nie wissen wird, ob sie weiß, ob rot ist.
Du, Sprache Deutschlands, bist dein größtes Werk:
die verflochtenen Liebschaften
zusammengesetzter Wörter, offene Vokale
und Laute, die noch den beflissenen
Hexameter des Griechen ermöglichen,
und dein Raunen von Wäldern und von Nächten.
Einmal besaß ich dich. Heute, an der Grenze
der müden Jahre, kann ich dich noch ahnen,
so fern wie die Algebra und der Mond.

Al idioma alemán

Mi destino es la lengua castellana,
El bronce de Francisco de Quevedo,
Pero en la lenta noche caminada
Me exaltan otras músicas más íntimas.
Alguna me fue dada por la sangre -
Oh voz de Shakespeare y de la Escritura-,
Otras por el azar, que es dadivoso,
Pero a ti, dulce lengua de Alemania,
Te he elegido y buscado, solitario.
A traves de vigilias y gramáticas,
De la jungla de las declinaciones,
Del diccionario, que no acierta nunca
Con el matiz preciso, fui acercándome.
Mis noches están llenas de Virgilio,
Dije una vez; también pude haber dicho
De Hölderlin y de Angelus Silesius.
Heine me dio sus altos ruiseñores;
Goethe, la suerte de un amor tardío,
A la vez indulgente y mercenario;
Keller, la rosa que una mano deja
En la mano de un muerto que la amaba
Y que nunca sabrá si es blanca o roja.
Tú, lengua de Alemania, eres tu obra
Capital: el amor entrelazado
De las voces compuestas, las vocales
Abiertas, los sonidos que permiten
El estudioso hexámetro del griego
Y tu rumor de selvas y de noches.
Te tuve alguna vez. Hoy, en la linde
De los años cansados, te diviso
Lejano como el Agebra y la luna.

Aus der Perspektive der Gestapo
Sönke Zankel will die Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ entmythologisieren und entsymbolisieren

Als Sönke Zankel seine Forschungsergebnisse über die Münchener Widerstandsgruppe unter dem Titel „Die Weiße Rose war nur der Anfang“ (2006) veröffentlichte, gab es zumeist harsche Kritik. Nun legt er nach mit einer mehr als doppelt so umfangreichen Darstellung, ergänzt um eigene Kapitel zu den Mentoren, zur „politischen Einordnung“ und zu den Nachfolgeaktionen. Was Vielfalt, Vollständigkeit und Neuartigkeit der herangezogenen Quellen betrifft, erwirbt sich der Autor unbestreitbare Verdienste, ebenso wie bei seiner eingehenden Diskussion der Sekundärliteratur, die allerdings durchweg mit einem abschätzigen Verdikt endet. Beharrlich, beinah dogmatisch weigert er sich, die Widerstandsgruppe – wie im allgemeinen Sprachgebrauch auch aus Gründen der willkommenen Symbolwirkung üblich – „Weiße Rose“ zu nennen. Seine Begründung, dass nur die ersten vier der insgesamt sechs Flugblätter sich explizit auf die „Weiße Rose“ bezogen hätten, ist dafür wenig stichhaltig. Deutlich wird dessen ungeachtet, dass wieder einmal die schon seit einigen Jahrzehnten beliebte „Entmythologisierung“ und „Entsymbolisierung“ von „Helden des Widerstandes“ ansteht, für die sich – im Hinblick auf ihre Bedeutung für die Begründung einer Widerstandstradition in der frühen Bundesrepublik – die seinerzeit mit vielen heroisierenden Beiwörtern bekränzte „Weiße Rose“ im besonderen Maße anbietet.

Dass Zankel damit längst geöffnete Türen einrennt, hat man ihm bereits nach der Vorabpublikation mehrfach bescheinigt. Gleiches gilt für Zankels irrigen Weg, wenn er eine – dem Wandel von Formen- und Wertevorstellungen geschuldete und zum Verständnis vergangener Wirklichkeiten auch notwendige – „Entmythologisierung“ von historischen Personen, ihren Vorstellungen und Handlungen über weite Strecken mit deren „Skandalisierung“ und weitgehender „Entwertung“ zu erreichen glaubt. Wieder erscheinen die Gefährten des Scholl-Kreises in Zankels Diktion in großen Teilen als betont nationalistische, antijudaistische beziehungsweise antisemitische, einem archaischen Frauenbild nachhängende, „antidemokratische“, ja „konterrevolutionäre“ Mitglieder einer intellektuellen elitären Clique, die lange Zeit überdies überzeugte Anhänger der nationalsozialistischen Herrschaft gewesen waren. Ihre Wendung gegen das Regime habe sich an einem unklaren, durchgängig nicht politisch verstandenen Freiheitsbegriff orientiert, keinesfalls aber an prinzipiell „demokratischen“ oder „internationalen“ Motiven. Ihr Widerstand habe sich in sechs, zuweilen unter der Wirkung von Aufputsch- oder Betäubungsmitteln ausgeführten Flugblattaktionen erschöpft. Die Gruppe sei durch die umfassende Aussagebereitschaft der verhafteten Widerständler gegenüber der Gestapo rasch zerschlagen worden und ohne nennenswerte Wirkung geblieben.

Zankels eigenwilliger Umgang mit seinen Materialien, der allzu häufig die erlernten Methoden wissenschaftlicher Quellenkritik gründlich außer Acht lässt, wird bei der Fülle der aufbereiteten Unterlagen nun in seinem ganzen Ausmaß deutlich. Unzureichend begründbare Annahmen wandeln sich im nächsten Satz zu bewiesenen Fakten, aus dem Fehlen bestimmter Sachverhalte in den Dokumenten werden völlig unbegründete Schlüsse gezogen, und alles dient dann zur Untermauerung spektakulärer Thesen. Oder für manches sensationell daherkommende „Forschungsergebnis“, wie den angeblichen Drogenkonsum der Geschwister Scholl vor der letzten Flugblattaktion, bleibt der Verfasser einen direkten Beweis überhaupt schuldig. Geradezu unerträglich ist Zankels hemmungslos unkritische Auswertung der Vernehmungsprotokolle der Gestapo, die er flächendeckend als wortgetreue Abbildung der damaligen Wirklichkeit für seine Zwecke einsetzt. Die persönlichen Zeugnisse der Opfer, ihrer Freunde und Angehörigen weist er dagegen durchweg als „unglaubwürdig“ zurück, da deren Urheber, so weiß Zankel genau, aus Gründen der Selbststilisierung immer nur ein vorgefasstes „Erinnerungsprogramm abspulen“. Die inhaltliche Authentizität der Gestapo-Protokolle glaubt der Verfasser demgegenüber allen Ernstes mit dem Hinweis auf die Unterschriften der Vernommenen nachweisen zu können. Bedenken, diese könnten unter Druck zustande gekommen sein, begegnet der Autor mit einer nicht einmal von einem Hauptbeschuldigten überlieferten Aussage, wonach sich die Gestapo „immer korrekt und höflich“ benommen habe.

Zankels Darstellung entspricht folglich weitgehend den Bildern der Münchener Studenten und ihrer Gefährten, wie sie in den Akten des NS-Verfolgungsapparates aufscheinen und über die Zankel schulmeisterlich seine – als „Entmythologisierung“ verpackten – zumeist negativen Bewertungsnoten verteilt. Da werden die falsche Taktik, die mangelnde Standhaftigkeit und – man höre und staune – übergroße „Auskunftsfreudigkeit“ der Verhafteten vor der Gestapo getadelt, werden angebliche Schuldanteile am Todesurteil gegen den Freund minutiös registriert und allenfalls gönnerhaft eingeräumt, dass die Vernehmungssituation die Betroffenen möglicherweise „überfordert“ habe. Da wird die Anprangerung der Massenvernichtung polnischer Juden im zweiten Flugblatt durch eine haarsträubende Quellenauslegung tatsächlich zum Beweis für die Hinnahme des alltäglichen „gesetzlich legitimierten Antisemitismus“ umgebogen. Und da folgt dann Zankel ausdrücklich der zynischen Gestapo-Argumentation, wenn auch Zankel den aus der Wehrmacht aus „rassischen“ Gründen ausgeschlossenen halbjüdischen Studenten Hans Leipelt als „privilegiert“ einschätzt, da er ja nicht, wie seine „arischen“ Altersgenossen, an der Front kämpfen musste.

Mit heutigen Werte- und Vorstellungswelten misst Zankel die Ideen und Handlungen der „Weißen Rose“ und führt sie als politisch wie moralisch Beschädigte vor. Die Studie schließt mit den schönen Worten von Sophie Scholls früherem Verlobten Fritz Hartnagel aus dem Jahr 1947, wonach wir Nachgeborenen die Gefährten von den Denkmälern herabholen und statt in die steinernen Augen der Skulpturen in ihre lebendigen Augen blicken sollten. Dieser Aufforderung zu einem zukunftweisenden, die menschliche und politische Wahrheit in den Mittelpunkt stellenden Andenken an die „Weiße Rose“ erweist dieses Buch keinen guten Dienst. Josef Henke

Sönke Zankel: Mit Flugblättern gegen Hitler. Der Widerstandskreis um Hans Scholl und Alexander Schmorell. Böhlau Verlag, Köln 2007. 600 S.

64,90 [Euro]..

Text: F.A.Z., 16.07.2008, Nr. 164 / Seite 8

An einen gewissen Schatten, 1940

Sie sollen nicht deine heilige Erde entweihen, England,
der deutsche Eber und die italienische Hyäne.
Insel Shakespeares, mögen deine Söhne dich retten
und auch deine ruhmreichen Schatten.
An diesem letzten Gestade der Meere
rufe ich sie an, und sie eilen herbei
aus der unzähligen Vergangenheit
mit hohen Mitren und Kronen aus Eisen,
mit Bibeln, mit Degen, mit Rudern,
mit Ankern und mit Bogen.
Sie schweben über mir in der tiefen Nacht,
die der Rhetorik und der Magie günstig ist,
und ich suche den zartesten, den zerbrechlichsten,
und ich warne ihn: o Freund,
der feindselige Kontinent rüstet sich, mit Waffen
dein England zu überfallen,
wie in den Tagen, die du erlitten und besungen hast.
Zu Wasser, zu Lande und in der Luft kommen die Heere.
Träum wieder, De Quincey.
Web als Bollwerk deiner Insel
Nachtmahrnetze.
Mögen durch ihre Zeitlabyrinthe
endlos irren jene, die hassen.
Möge ihre Nachtjahrhunderte zählen, Epochen, Pyramiden,
mögen die Waffen Staub sein, Staub die Gesichter,
mögen uns jetzt retten die unentzifferbaren Bauwerke,
die deinem Traum Grauen verliehen.
Bruder der Nacht, Opiumtrinker,
Vater von Satzschleifen, die schon Labyrinthe sind und Türme,
Vater der Wörter, die man nicht vergißt,
hörst du mich, nicht geschauter Freund, hörst du mich
durch diese unergründlichen Dinge hindurch,
welche die Meere sind und der Tod?

A cierta sombra, 1940

Que no profanen tu sagrado suelo, Inglaterra,
El jabalf alemán y la hiena italiana.
Isla de Shakespeare, que tus hijos te salven
Y también tus sombbrs gloriosas.
En esta margen ulterior de los mares
Las invoco y acuden
Desde el innumerable pasado,
Con altas mitras y coronas de hierro,
Con Biblias, con espadas, con remos,
Con anclas y con arcos.
Se ciernen sobre mí en la alta noche
Propicia a la retórica y a la magia
Y busco la más tenue, la deleznable,
Y le advierto: oh, amigo,
El continente hostil se apresta con armas
A invadir tu Inglaterra,
Como en los días que sufriste y cantaste.
Por el mar, por la tierra y por el aire convergen los ejercitos.
Vuelve a soñar, De Quincey.
Teje para baluarte de tu isla
Redes de pesadillas.
Que por sus laberintos de tiempo
Erren sin fin los que odian.
Que su noche se mida por centurias, por eras, por pirámides,
Que las armas sean polvo, polvo las caras,
Que nos salven ahora las indescifrables arquitecturas
Que dieron horror a tu sueno.
Hermano de la noche, bebedor de opio,
Padre de sinuosos períodes que ya son laberintos y torres,
Padre de las palabras que no se olvidan,
¿Me oyes, amigo no mirado, nie oyes
A traves de esas cosas insondables
Que son los mares y la muerte?

Dinge

Der Band, gefallen, den die anderen verbergen
in der Tiefe des Regals
und den die Tage und Nächte bedecken
mit langsamem und stummem Staub. Der Anker
aus Sidon, den in ihrem blinden und
sanften Abgrund Englands Meere bedrücken.
Der Spiegel, der keinen mehr wiedergibt,
wenn erst das Haus alleingeblieben ist.
Die Schnitzer unserer Nägel, die wir
zurücklassen im Lauf der Zeit, im Raum.
Der Staub, der Shakespeare war, nicht zu entziffern.
Die Modifikationen einer Wolke.
Die kurzlebige symmetrische Rose,
die einst der Zufall den geheimen Spiegeln
eines Kinderkaleidoskops bescherte.
Die Ruder der Argos, des ersten Schiffs.
Die Fußspuren im Sand, die eine Welle
schläfrig und schicksalhaft auslöscht am Strand.
Die Farben Turners, sobald die Beleuchtung
in der geraden Galerie erlischt
und in den hohen Nacht kein Schritt mehr hallt.
Die Rückseite der üppigen Weltkarte.
Das feine Spinnweb in der Pyramide.
Der blinde Stein und die neugierige Hand.
Der Traum, den ich vor Morgengrau besaß
und dann vergaß, als der Tag heller wurde.
Der Anfang und das Ende der Ballade
von Finsburh, heute nur noch ein paar Verse aus Erz,
nicht von Jahrhunderten verwittert.
Die umgekehrte Schrift im Löschpapier.
Die Schildkröte am Boden der Zisterne.
Alles, was nicht sein kann. Das zweite Horn des Einhorns.
Das Wesen, das Drei und Eins ist.
Der dreieckige Kreis. Der unfaßbare
Moment, in dem der Pfeil des Eleaten,
bewegungslos schwebend, ins Schwarze trifft.
Die Blume zwischen den Seiten von Bécquer.
Das Pendel, angehalten von der Zeit.
Der Stahl, der Odin nagelt an den Baum.
Der Text auf den unaufgeschnittenen Blättern.
Das Echo der Hufe bei der Attacke
von Junín, die irgendwie ewig nicht
endet und ein Teil des Gewebes ist.
Sarmientos Schatten auf den Bürgersteigen.
Die Stimme, die ein Hirt auf dem Berg hörte.
Das bleichende Gerippe in der Wüste.
Die Kugel, die Francisco Borges fällte.
Die Kehrseite der Tapete. Die Dinge,
die keiner schaut, außer dem Gott von Berkeley.

Cosas

El volumen caído que los otros
Ocultan en la hondura del estante
Y que los días y las noches cubren
De lento polvo silencioso. El ancla
De Sidán que los mares de Inglaterra
Oprimen en su abismo ciego y blando.
El espejo que no repite a nadie
Cuando la casa se ha quedado sola.
Las limaduras de uña que dejamos
A lo largo del tiempo y del espacio.
El polvo indescifrable que fue Shakespeare.
Las modificaciones de la nube.
La simétrica rosa momentánea
Que el azar dio una vez a los ocultos
Cristales del pueril calidoscopio.
Los remos de Argos, la primera nave.
Las pisadas de arena que la ola
Soñolienta y fatal borra en la playa.
Los colores de Turner cuando apagan
Las luces en la recta galería
Y no resuena un paso en la alta noche.
El reves del prolijo mapamundi.
La tenue telaraña en la pirámide.
La piedra ciega y la curiosa mano.
El sueno que he tenido antes del alba
Y que olvíde cuando clareaba el día.
El principio y el fin de la epopeya
De Finsburh, hoy unos contados versos
De hierro, no gastado por los siglos.
La letra inversa en el papel secante.
La tortuga en el fondo del aljibe.
Lo que no puede ser. El otro cuerno
Del unicornio. El Ser que es Tres y es Uno.
El disco triangular. El inasible
Instante en que la flecha del eleata,
Inmóvil en el aire, da en el blanco.
La flor entre las páginas de Bécquer.
El pendulo que el tiempo ha detenido.
El acero que Odín clavó en el árbol.
El texto de las no cortadas hojas.
El eco de los cascos de la carga
De Junín, que de algún eterno modo
No ha cesado y es parte de la trama.
La sombra de Sarmiento en las aceras.
La voz que oyó el pastor en la montaña.
La osamenta blanqueando en el desierto.
La bala que mató a Francisco Borges.
El otro lado del tapiz. Las cosas
Que nadie mira, salvo el Dios de Berkeley.

Schisma in Zeitlupe

Der Geist des Empire verweht. Die Weltgemeinschaft der Anglikaner steht vor der Spaltung. Mehr als tausend Priester drohen mit dem Austritt. Von Johannes Leithäuser

LONDON, 1. Juli. Die Allerseelen-Kirche im Londoner Innenstadtviertel Marylebone verdankt ihr Dasein vor allem dem Umstand, dass die Regent Street, die vor 180 Jahren entstandene Prachtstraße König Georgs IV., an dieser Stelle einen komischen Knick machen musste, um weiter nördlich den ebenfalls damals neu angelegten Regents-Park zu erreichen. In diesem neoklassischen Kirchenbau mit dem auffälligen ionischen Säulenturm hat am Montag die anglikanische Weltkirche selbst einen Knick bekommen. In Zeitlupe, aber in unbarmherziger Entschlossenheit vollzieht sich gegenwärtig ein Schisma, eine Kirchenspaltung in der Weltgemeinschaft der Anglikaner. Es treibt die Gläubigen im englischen Mutterland auseinander und trennt zugleich die Bänder zwischen der „Mutterkirche“ – der in der Regierungszeit König Heinrichs VIII. entstandenen Church of England – und den anglikanischen Kirchen in den Ländern des ehemaligen Empire und in Nordamerika.

Die Gewalt der Teilung speist sich aus vielen Motiven, sie bündeln sich in einem Ringen spirituell-konservativer Kirchenführer (vor allem die afrikanischen Anglikaner, aber auch Lateinamerikaner zählen dazu) mit den eher liberal-progressiven Bischöfen der nördlichen Hemisphäre, also vor allem Englands und Nordamerikas. Die Anlässe des Streites reichen von der Rolle Homosexueller in der Kirche über die Anfechtung der Führungsrolle des Erzbischofs von Canterbury bis hin zu Differenzen über aktive Missionierung und über das Verhältnis zu anderen Religionen.

Die Unruhe hat einen ungeahnten Verbreitungs- und Beschleunigungseffekt gewonnen durch die Wahl und Weihe des ersten homosexuellen Bischofs in der amerikanischen Episkopalkirche. Die Bestimmung von Gene Robinson zum Bischof von New Hampshire weckte vor vier Jahren den Widerstand anglikanischer Kirchen im Süden der Welt, der sie schließlich in den vergangenen Wochen erst zu einer Konferenz nach Jerusalem und dann, am Montag, nach London führte. Die Anglikaner aus Uganda, Nigeria oder Australien gründeten unterwegs einen Zusammenschluss namens „Foca“ – der Begriff kürzt den Namen „Gemeinschaft bekennender Anglikaner“ ab – und formulierten eine „Jerusalemer Erklärung“. Darin sagen sie sich faktisch von der Autorität des Erzbischofs von Canterbury los, der anders als der Papst in der katholischen Kirche zwar keine formelle, aber doch eine gewohnheitsrechtliche Rolle als spiritueller Anführer der anglikanischen Gemeinschaft hat – über seine Funktion des geistigen Oberhaupts der Church of England hinaus. In der Erklärung stellen die „Abtrünnigen“ fest: Während wir die historische Rolle des Bischofssitzes von Canterbury anerkennen, sind wir nicht bereit, anzuerkennen, dass die Identität der Anglikaner allein durch die Beglaubigung des Erzbischofs von Canterbury bestimmt werden kann.

Nach der anglikanischen Tradition ist genau dies aber bislang der Fall gewesen. Obwohl schriftliche Weisungs- und Unterordnungsregeln innerhalb der Kirche fehlten, hatte doch jede einzelne anglikanische Gliedkirche sich in Übereinstimmung mit Kirchenrecht und Glaubensregeln der Zentrale in Canterbury zu befinden, wollte sie sich als Teil der Gemeinschaft fühlen. Die Ausdehnung der Anglikaner auf der Welt fiel im 18. und 19. Jahrhundert zusammen mit der Expansion des britischen Empire. Heute zählen knapp 80 Millionen Gläubige zur anglikanischen Gemeinschaft, die Hälfte davon gehört der Church of England an. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts nutzte der Erzbischof von Canterbury die einmal im Jahrzehnt stattfindende „Lambeth-Konferenz“ (benannt nach dem Londoner Stadtteil, in dem der Palast des Kirchenoberhauptes liegt) als ein informelles Konzil, um die Einheit der Gliedkirchen sicherzustellen. Die nächste dieser Zehnjahreskonferenzen beginnt Mitte Juli in Canterbury. Mehr als 200 Bischöfe aus den Kirchen der südlichen Hemisphäre haben vorab angekündigt, sie würden nicht erscheinen – die meisten von ihnen sind hingegen dem Aufruf der „Foca“ gefolgt und nach Jerusalem gereist.

Die Abordnung der Foca-Traditionalisten, die am Montag in London Station machte, umfasste unter anderen den Erzbischof von Uganda, Orombi, den Erzbischof von Sydney, Jensen, und den Erzbischof „des südlichen Horns“, der Länder Lateinamerikas also, Venables. Alle drei bestritten bei einem Auftritt in der Allerseelen-Kirche, dass sie die Anführer einer Spaltung seien. Sie wollten sich vielmehr als Bewahrer der richtigen, der ursprünglichen anglikanischen Kommunion verstanden sehen. Der ugandische Bischof Orombi sagte in vermeintlich naiver Freude, seine Kirche sei ja ein Missionskind der Kirche von England. Viele seiner Landsleute hätten seit 150 Jahren ihren eigenen Glauben aufgegeben und seien dem neuen Evangelium gefolgt. Nun komme er mit diesem Evangelium „ins Mutterland zurück“.

Für Rowan Williams, den gegenwärtigen Erzbischof von Canterbury, bedeuten diese Ereignisse gleich eine doppelte existentielle Bedrohung. Er saß bislang schon mit seinem Bemühen, die Kirche in den gesellschaftlichen Schlachten zwischen Progressiven und Konservativen auf einem Mittelweg zu halten, zwischen beiden Lagern. Während er den homosexuellen Bischof Robinson gar nicht erst einlud zur Lambeth-Konferenz, sagten die Traditionalisten unaufgefordert ab. Und während nun Foca, der rasch entstandene Zusammenschluss der Traditionalisten, den weltweiten geistigen Führungsanspruch des Bischofssitzes von Canterbury faktisch gebrochen hat, sieht sich Williams zusätzlich durch dieses Beispiel des Aufbegehrens zugleich zu Hause, in seiner eigenen Kirche, in der Führungsrolle herausgefordert. 1300 englische Priester, unter ihnen elf Bischöfe, haben in einem Brief an Williams ihren Austritt aus der Kirche angedroht, falls es in der Church of England zur Ordination weiblicher Bischöfe kommt. Im Grundsatz ist dieser Schritt schon beschlossen, eine Synode der englischen Anglikaner soll nächste Woche (einige Tage vor der internationalen Lambeth-Konferenz) einen ausdrücklichen Beschluss dazu fassen. Weibliche Priester sind bei den englischen Anglikanern seit Jahrzehnten zugelassen – knapp 1300 Priesterinnen haben sich auch in einer Stellungnahme zu Wort gemeldet und vor der Diskriminierung von Frauen in der Kirche gewarnt.

Der Erzbischof von Canterbury sieht sich demnach von allen Seiten bedrängt und eingeklemmt. Vorerst hat er den Foca-Bischöfen die Autorität bestritten, seine eigene Autorität anzuzweifeln. Doch als Orombi, Venables und Jensen am Montag in London eintrafen, da warteten nicht die angemeldeten 400, sondern vielleicht 1000 englische Kleriker auf sie, um zu erfahren, wie sie die Bewegung der Traditionalisten auch auf englischem Boden fortführen könnten. Der australische Bischof Jensen orakelte in der Krypta der Allerseelen-Kirche, etwas Großes, etwas Spirituelles entstehe gegenwärtig in der Gemeinschaft der Anglikaner, ohne dass er sagen könne, was. Sicher ist allenfalls, dass der Geist des Empire, in dem vor 180 Jahren Allerseelen in der Regent-Street errichtet wurde, nun auch bei den Anglikanern verweht.

Text: F.A.Z., 02.07.2008, Nr. 152 / Seite 3

Weiteres Gedicht von den Gaben

Dank will ich sagen dem göttlichen
Labyrinth der Wirkungen und der Ursachen
für die Verschiedenheit der Geschöpfe,
die dieses einzigartige Universum bilden,
für den Verstand, der nicht aufhören wird, eine Karte
dieses Labyrinths zu erträumen,
für das Antlitz der Helena, die Beharrlichkeit des Odysseus,
für die Liebe, die uns die anderen sehen läßt
wie die Gottheit sie sieht,
für den harten Diamanten und das geschmeidige Wasser,
für die Algebra, Palast genauer Kristalle,
für die mystischen Münzen des Angelus Silesius,
für Schopenhauer,
der vielleicht das Universum entzifferte,
für das Flammen des Feuers,
das kein Mensch ohne uraltes Staunen betrachten kann,
für Mahagoni, Zeder und Sandelholz,
für das Brot und das Salz,
für das Mysterium der Rose,
die Farbe spendet und sie nicht sieht,
für gewisse Abende und Tage 1955,
für die harten Hirten, die in der Ebene
das Vieh und den Morgen zusammentreiben,
für den Morgen von Montevideo,
für die Kunst der Freundschaft,
für Sokrates’ letzten Tag,
für die Worte, gesprochen in einer Dämmerung
von einem Kreuz zum anderen,
für jenen Traum des Islam, der umfaßte
tausend Nächte und eine Nacht,
für den anderen Traum von der Hölle,
vom Turm des läuternden Feuers
und von den glorreichen Sphären,
für Swedenborg,
der in den Straßen von London mit den Engeln sprach,
für die geheimen und unerinnerten Flüsse,
die sich in mir mischen,
für die Sprache, die vor Jahrhunderten Northumbrien sprach,
für das Schwert und die Harfe der Sachsen,
für das Meer, das eine schimmernde Wüste ist
und ein Schlüssel zu Dingen, die wir nicht kennen,
und ein Grabspruch der Wikinger,
für die Wortmusik Englands,
für die Wortmusik Deutschlands,
für das Gold, das Verse erleuchtet,
für den epischen Winter,
für den Titel eines Buchs, das ich nicht gelesen habe: Gesta Dei per Francos,
für Verlaine, unschuldig wie die Vögel,
für das kristallene Prisma und das Bronzegewicht,
für die Streifen des Tigers,
für die hohen Türme von San Francisco und der Insel Manhattan,
für den Morgen in Texas,
für jenen Sevillaner, der die Moralische Epistel verfaßte
und dessen Namen, wie er es gewollt hätte, wir nicht kennen,
für Seneca und Lucanus aus Córdoba,
die alle spanische Literatur schrieben,
ehe es Spanisch gab,
für das ritterliche und geometrische Schachspiel,
für die Schildkröte des Zenon und die Karte von Royce,
für den Arzneiduft der Eukalyptusbäume,
für die Sprache, die Weisheit vortäuschen kann,
für das Vergessen, das Vergangenes auslöscht oder verändert,
für die Gewohnheit,
die uns wiederholt und bekräftigt wie ein Spiegel,
für den Morgen, der uns die Illusion eines Anfangs beschert,
für die Nacht, ihr Dunkel und ihre Astronomie,
für den Mut und das Glück der anderen,
für das Vaterland, gespürt im Jasmin
oder in einem alten Degen,
für Whitman und Franz von Assisi, die das Gedicht längst geschrieben haben,
dafür, daß das Gedicht unerschöpflich ist
und sich mit der Summe der Geschöpfe vermischt
und niemals zum letzten Vers kommen wird
und wechselt, gemäß den Menschen,
für Frances Haslam, die die Verzeihung ihrer Kinder erbat,
weil sie so langsam starb,
für die Minuten, die dem Schlaf vorangehen,
für den Schlaf und den Tod,
diese beiden verborgenen Schätze,
für die innigen Gaben, die ich nicht erwähne,
für die Musik, mysteriöse Gestalt der Zeit.

Otro poema de los dones

Gracias quiero dar al divino
Laberinto de los efectos y de las causas
Por la diversidad de las criaturas
Que forman este singular universo,
Por la razón, que no cesará de soñar
Con un plano del laberinto,
Por el rostro de Elena y la perseverancia de Ulises,
Por el amor, que nos deja ver a los otros
Como los ve la divinidad,
Por el firme diamante y el agua suelta,
Por el álgebra, palacio de precisos cristales,
Por las místicas monedas de Ángel Silesio,
Por Schopenhauer,
Que acaso descifró el universo,
Por el fulgor del fuego
Que ningún ser humano puede mirar sin un asombro antiguo,
Por la caoba, el cedro y el sándalo,
Por el pan y la sal,
Por el misterio de la rosa
Que prodiga plor y que no lo ve
Por ciertas vísperas y días de 1955,
Por los duros troperos que en la llanura
Arrean los animales y el alba,
Por la mañana en Montevideo,
Por el arte de la amistad,
Por el ultimo día de Sócrates,
Por las palabras que en un crepúsculo se dijeron
De una cruz a otra cruz,
Por aquel sueño del Islam que abarcó
Mil noches y una noche,
Por aquel otro sueño del infierno,
De la torre del fuego que purifica
Y de las esferas gloriosas,
Por Swedenborg,
Que conversabá con los ángeles en las calles de Londres,
Por los rios secretos e inmemoriales
Que convergen en mí,
Por el idioma que, hace siglos, hablé en Nortumbria,
Por la espada y el arpa de los sajones,
Por el mar, que es un desierto resplandeciente
Y una cifra de cosas que no sabemos
Y un epitafio de los vikings,
Por la música verbal de Inglaterra,
Por la música verbal de Alemania,
Por el oro, que relumbra en los versos,
Por el epico invierno,
Por el nombre de un libro que no he leido:
Gesta Dei per Francos,
Por Verlaine, inocente como los pájaros,
Por el prisma de cristal y la pesa de bronce,
Por las rayas del tigre,
Por las altas torres de San Francisco y de la isla de Manhattan,
Por la mañana en Texas,
Por aquel sevillano que redactá la Epistola Moral
Y cuyo nombre, conto el hubiera preferido, ignoramos,
Por Seneca y Lucano, de Córdoba,
Que antes del español escribieron
Toda la literatura española,
Por el geométrico y bizarro ajedrez,
Por la tortuga de Zenón y el mapa de Royce,
Por el olor medicinal de los eucaliptos,
Por el lenguaje, que puede simular la sabiduría,
Por el olvido, que anula o modifica el pasado,
Por la costumbre,
Que nos repite y nos confirma como un espejo,
Por la mañana, que nos depara la ilusión de un principio,
Por la noche, su tiniebla y su astronomía,
Por el valor y la felicidad de los otros,
Por la patria, sentida en los jazmines
O en una vieja espada,
Por Whitman y Francisco de Asís, que ya escribieron el poema,
Por el hecho de que el poema es inagotable
Y se confunde con la suma de las criaturas
Y no llegará jamás al ultimo verso
Y varía según los hombres,
Por Frances Haslam, que pidió perdón a sus hijos
Por morir tan despacio,
Por los minutos que preceden al sueño,
Por el sueño y la muerte,
Esos dos tesoros ocultos,
Por los íntimos doñes que no enumero,
Por la música, misteriosa forma del tiempo.

FAZ, Nr. 137 v. 14.6.08, S. 7

Jorge Luis Borges

Zwei Fassungen von „Ritter, Tod und Teufel

I

Es blickt unterm Schimärenhelm das strenge
Profil so grausam wie das Schwert sich spreitet
Und grausam wacht. Durch nackte Waldeshänge
Der Ritter furchtlos seines Weges reitet.

Voll Hinterlist umgiert ihn das servile
Geschmeiß: der Teufel, scheelen Augs, der kalte,
Schlüpfrig die labyrinthischen Reptile,
Mit seiner Sanduhr der erloschene Alte.

Ritter aus Eisen, wer dich so betrachtet,
Der weiß: von Lüge bist du nicht ummachtet,
Vom bleichen Schrecken nicht. Dein hartes Los

Gebieten, kränken heißt. Der Mut, dein Lehen,
Hilft, Deutscher, dir, mit Würde zu bestehen
Den Teufel und sogar den Todesstoß.

II

Zwei Fassungen von „Ritter, Tod und Teufel“ – II

Der Wege sind zwei. Der des Mannes
Aus Eisen und Stolz, der reitet,
Fest in seinem Glauben, durch den fragwürdigen Wald
Der Welt, zwischen dem Spott und dem reglosen
Tanz des Teufels und des Todes,
Und der andere, der kurze, der meine. In welch
Verwischter Nacht oder altem Morgen entdeckten
Meine Augen die phantastische Epopöe,
Den dauerhaften Traum Dürers,
Den Helden und das Geschmeiß seiner Schatten,
Die mich suchen, mich belauern und mich treffen?
Mich, nicht den Palladin, ermahnt der erloschene
Alte, gekrönt von gekrümmten
Schlangen. Die unentwegte Wasseruhr
Mißt meine Zeit, nicht seine ewige jetzt.
Ich werde die Asche sein und der Nebel;
Ich, der später aufbrach, werde mein sterbliches Ziel
Erreicht haben; du, der du nicht bist,
Du, Ritter des redlichen Schwertes
Und des strengen Waldes, wirst deinen Schritt
Fortsetzen solange die Menschen dauern,
Unerschütterlich, imaginär, ewig.

Dos versiones de „Ritter, Tod und Teufel“

I

Bajo el yelmo quimerico el severo
Perfil es cruel como la cruel espada
Que aguarda. Por la selva despojada
Cabalga imperturbable el caballero.

Torpe y furtiva, la caterva obscena
Lo ha cercado: el Demonio de serviles
Ojos, los laberinticos reptiles
Y el blanco anciano del reloj de arena.
Caballero de hierro, quien te mira
Sabe que en ti no mora la mentira
Ni el pálido temor. Tu dura suerte
Es mandar y ultrajar. Eres valiente
Y no serás indigno ciertamente,
Alemán, del Demonio y de la Muerte.

II

Los caminos son dos. El de aquel hombre
De hierro y de soberbia, y que cabalga,
Firme en su fe, por la dudosa selva
Del mundo, entre las befas y la danza
Inmóvil del Demonio y de la Muerte,
Y el otro, el breve, el mio. ¿En qué borrada
Noche o mañana antigua descubrieron
Mis ojos la fantástica epopeya,
El perdurable sueno de Durero,
El héroe y la caterva de sus sombras
Que me buscan, me acechan y tue encuentran?
A mi, no al paladín, exhorta el blanco
Anciano coronado de sinuosas
Serpientes. La clepsidra sucesiva
Mide mi tiempo, no su eterno ahora.
Yo seré la ceniza y la tiniebla;
Yo, que parté después, habré alcanzado
Mi término mortal; tú, que no eres,
Tú, caballero de la recta espada
Y de la selva régida, tu paso
Proseguirás mientras los hombres duren.
Imperturbable, imaginario, eterno.

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