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Schisma in Zeitlupe

2. Juli 2008 von Jan Wilhelms

Schisma in Zeitlupe

Der Geist des Empire verweht. Die Weltgemeinschaft der Anglikaner steht vor der Spaltung. Mehr als tausend Priester drohen mit dem Austritt. Von Johannes Leithäuser

LONDON, 1. Juli. Die Allerseelen-Kirche im Londoner Innenstadtviertel Marylebone verdankt ihr Dasein vor allem dem Umstand, dass die Regent Street, die vor 180 Jahren entstandene Prachtstraße König Georgs IV., an dieser Stelle einen komischen Knick machen musste, um weiter nördlich den ebenfalls damals neu angelegten Regents-Park zu erreichen. In diesem neoklassischen Kirchenbau mit dem auffälligen ionischen Säulenturm hat am Montag die anglikanische Weltkirche selbst einen Knick bekommen. In Zeitlupe, aber in unbarmherziger Entschlossenheit vollzieht sich gegenwärtig ein Schisma, eine Kirchenspaltung in der Weltgemeinschaft der Anglikaner. Es treibt die Gläubigen im englischen Mutterland auseinander und trennt zugleich die Bänder zwischen der “Mutterkirche” – der in der Regierungszeit König Heinrichs VIII. entstandenen Church of England – und den anglikanischen Kirchen in den Ländern des ehemaligen Empire und in Nordamerika.

Die Gewalt der Teilung speist sich aus vielen Motiven, sie bündeln sich in einem Ringen spirituell-konservativer Kirchenführer (vor allem die afrikanischen Anglikaner, aber auch Lateinamerikaner zählen dazu) mit den eher liberal-progressiven Bischöfen der nördlichen Hemisphäre, also vor allem Englands und Nordamerikas. Die Anlässe des Streites reichen von der Rolle Homosexueller in der Kirche über die Anfechtung der Führungsrolle des Erzbischofs von Canterbury bis hin zu Differenzen über aktive Missionierung und über das Verhältnis zu anderen Religionen.

Die Unruhe hat einen ungeahnten Verbreitungs- und Beschleunigungseffekt gewonnen durch die Wahl und Weihe des ersten homosexuellen Bischofs in der amerikanischen Episkopalkirche. Die Bestimmung von Gene Robinson zum Bischof von New Hampshire weckte vor vier Jahren den Widerstand anglikanischer Kirchen im Süden der Welt, der sie schließlich in den vergangenen Wochen erst zu einer Konferenz nach Jerusalem und dann, am Montag, nach London führte. Die Anglikaner aus Uganda, Nigeria oder Australien gründeten unterwegs einen Zusammenschluss namens “Foca” – der Begriff kürzt den Namen “Gemeinschaft bekennender Anglikaner” ab – und formulierten eine “Jerusalemer Erklärung”. Darin sagen sie sich faktisch von der Autorität des Erzbischofs von Canterbury los, der anders als der Papst in der katholischen Kirche zwar keine formelle, aber doch eine gewohnheitsrechtliche Rolle als spiritueller Anführer der anglikanischen Gemeinschaft hat – über seine Funktion des geistigen Oberhaupts der Church of England hinaus. In der Erklärung stellen die “Abtrünnigen” fest: Während wir die historische Rolle des Bischofssitzes von Canterbury anerkennen, sind wir nicht bereit, anzuerkennen, dass die Identität der Anglikaner allein durch die Beglaubigung des Erzbischofs von Canterbury bestimmt werden kann.

Nach der anglikanischen Tradition ist genau dies aber bislang der Fall gewesen. Obwohl schriftliche Weisungs- und Unterordnungsregeln innerhalb der Kirche fehlten, hatte doch jede einzelne anglikanische Gliedkirche sich in Übereinstimmung mit Kirchenrecht und Glaubensregeln der Zentrale in Canterbury zu befinden, wollte sie sich als Teil der Gemeinschaft fühlen. Die Ausdehnung der Anglikaner auf der Welt fiel im 18. und 19. Jahrhundert zusammen mit der Expansion des britischen Empire. Heute zählen knapp 80 Millionen Gläubige zur anglikanischen Gemeinschaft, die Hälfte davon gehört der Church of England an. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts nutzte der Erzbischof von Canterbury die einmal im Jahrzehnt stattfindende “Lambeth-Konferenz” (benannt nach dem Londoner Stadtteil, in dem der Palast des Kirchenoberhauptes liegt) als ein informelles Konzil, um die Einheit der Gliedkirchen sicherzustellen. Die nächste dieser Zehnjahreskonferenzen beginnt Mitte Juli in Canterbury. Mehr als 200 Bischöfe aus den Kirchen der südlichen Hemisphäre haben vorab angekündigt, sie würden nicht erscheinen – die meisten von ihnen sind hingegen dem Aufruf der “Foca” gefolgt und nach Jerusalem gereist.

Die Abordnung der Foca-Traditionalisten, die am Montag in London Station machte, umfasste unter anderen den Erzbischof von Uganda, Orombi, den Erzbischof von Sydney, Jensen, und den Erzbischof “des südlichen Horns”, der Länder Lateinamerikas also, Venables. Alle drei bestritten bei einem Auftritt in der Allerseelen-Kirche, dass sie die Anführer einer Spaltung seien. Sie wollten sich vielmehr als Bewahrer der richtigen, der ursprünglichen anglikanischen Kommunion verstanden sehen. Der ugandische Bischof Orombi sagte in vermeintlich naiver Freude, seine Kirche sei ja ein Missionskind der Kirche von England. Viele seiner Landsleute hätten seit 150 Jahren ihren eigenen Glauben aufgegeben und seien dem neuen Evangelium gefolgt. Nun komme er mit diesem Evangelium “ins Mutterland zurück”.

Für Rowan Williams, den gegenwärtigen Erzbischof von Canterbury, bedeuten diese Ereignisse gleich eine doppelte existentielle Bedrohung. Er saß bislang schon mit seinem Bemühen, die Kirche in den gesellschaftlichen Schlachten zwischen Progressiven und Konservativen auf einem Mittelweg zu halten, zwischen beiden Lagern. Während er den homosexuellen Bischof Robinson gar nicht erst einlud zur Lambeth-Konferenz, sagten die Traditionalisten unaufgefordert ab. Und während nun Foca, der rasch entstandene Zusammenschluss der Traditionalisten, den weltweiten geistigen Führungsanspruch des Bischofssitzes von Canterbury faktisch gebrochen hat, sieht sich Williams zusätzlich durch dieses Beispiel des Aufbegehrens zugleich zu Hause, in seiner eigenen Kirche, in der Führungsrolle herausgefordert. 1300 englische Priester, unter ihnen elf Bischöfe, haben in einem Brief an Williams ihren Austritt aus der Kirche angedroht, falls es in der Church of England zur Ordination weiblicher Bischöfe kommt. Im Grundsatz ist dieser Schritt schon beschlossen, eine Synode der englischen Anglikaner soll nächste Woche (einige Tage vor der internationalen Lambeth-Konferenz) einen ausdrücklichen Beschluss dazu fassen. Weibliche Priester sind bei den englischen Anglikanern seit Jahrzehnten zugelassen – knapp 1300 Priesterinnen haben sich auch in einer Stellungnahme zu Wort gemeldet und vor der Diskriminierung von Frauen in der Kirche gewarnt.

Der Erzbischof von Canterbury sieht sich demnach von allen Seiten bedrängt und eingeklemmt. Vorerst hat er den Foca-Bischöfen die Autorität bestritten, seine eigene Autorität anzuzweifeln. Doch als Orombi, Venables und Jensen am Montag in London eintrafen, da warteten nicht die angemeldeten 400, sondern vielleicht 1000 englische Kleriker auf sie, um zu erfahren, wie sie die Bewegung der Traditionalisten auch auf englischem Boden fortführen könnten. Der australische Bischof Jensen orakelte in der Krypta der Allerseelen-Kirche, etwas Großes, etwas Spirituelles entstehe gegenwärtig in der Gemeinschaft der Anglikaner, ohne dass er sagen könne, was. Sicher ist allenfalls, dass der Geist des Empire, in dem vor 180 Jahren Allerseelen in der Regent-Street errichtet wurde, nun auch bei den Anglikanern verweht.

Text: F.A.Z., 02.07.2008, Nr. 152 / Seite 3

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