Israel, 1969
Ich fürchtete, in Israel lauere
mit tückischer suesse
die Sehnsucht, welche die jahrhundertealten Diasporas
anhäuften wie einen traurigen Schatz
in den Städten des Gottlosen, in den Judenvierteln,
in den Sonnenuntergängen der Steppe, in den Träumen,
die Sehnsucht derer, die dich begehrten,
Jerusalem, an Babylons Wassern.
Was warst du, Israel, anderes als diese Sehnsucht,
als dieser Wille,
zwischen den unbeständigen Formen der Zeit
dein altes Zauberbuch zu retten, deine Liturgien,
deine Einsamkeit mit Gott?
Nicht so. Die älteste der Nationen ist auch die jüngste.
Nicht mit Gärten hast du die Menschen versucht,
nicht mit dem Gold und seinem Überdruß,
sondern mit der Strenge, letztes Land.
Israel hat zu ihnen ohne Worte gesagt: du wirst vergessen, wer du bist.
Du wirst den anderen vergessen, den du verließest.
Du wirst vergessen, wer du warst in den Ländern,
die dir ihre Abende schenkten und ihre Morgen
und denen du nicht deine Sehnsucht schenken wirst.
Du wirst die Sprache deiner Eltern vergessen und wirst
die Sprache des Paradieses erlernen.
Du wirst ein Israeli sein, wirst ein Soldat sein.
Du wirst das Vaterland aus Sümpfen erbauen; du wirst es aus Wüsten errichten.
Mit dir wird dein Bruder arbeiten, dessen Gesicht du nie gesehen hast.
Ein einziges versprechen wir dir:
deinen Posten in der Schlacht.
An Israel
Wer weiß, ob das verlorene Labyrinth
Uralter Ströme meines Bluts durch deine Pforte
Geführt hat, Israel? Wer weiß die Orte,
Durch die die Adern unseres Bluts gezogen sind?
Gleichviel. Du bist in diesem heiligen Buch,
Ich weiß. Es faßt die Zeit, kauft die Geschichte los
Des roten Adam, legt Erinnerung bloß
An Christi Leidenskampf und Leichentuch.
Du bist in diesem Buch, der Spiegel ist
Jeden Gesichts, das sich darüber neigt,
Auch Gottes, das sich furchterregend zeigt
Im mühsamen Kristall auf bange Frist.
Für Gottes Mauern, Israel, stehst du auf Wacht.
Heil Dir und der Passion in deiner Schlacht.
Israel
Ein eingekerkerter und behexter Mensch,
ein Mensch, verdammt die Schlange zu sein,
die schamloses Gold bewacht,
ein Mensch, verdammt Shylock zu sein,
ein Mensch, der sich über die Erde beugt
und der weiß, daß er im Paradies gewesen ist,
ein alter blinder Mann, der die Säulen
des Tempels zerbrechen muß,
ein Antlitz, verdammt Maske zu sein,
ein Mensch, der trotz der Menschen
Spinoza ist und Baal Schem und die Kabbalisten,
ein Mensch, der Das Buch ist,
ein Mund, der aus dem Abgrund preist
die Gerechtigkeit des Firmaments,
ein Staatsanwalt oder ein Zahnarzt,
der Zwiesprache gehalten hat mit Gott auf einem Berg,
ein Mensch, verdammt Gespött zu sein,
Abscheu, der Jude,
ein gesteinigter Mensch, in Brand gesteckt
und in Todeskammern erwürgt,
ein Mensch, der darauf beharrt, unsterblich zu sein
und der nun zurückgekehrt ist in seine Schlacht,
ins gewaltsame Licht des Sieges,
schön wie ein Löwe am Mittag.